Segeln

Mit Adios auf der Klosterinsel

Wir mögen gelbe Boote und wie das Leben mitunter so spielt, hat es uns eine neue Einladung geschickt, um mit einer sonnenfarbigen Barke grüne Inseln zu erreichen.

Der Käpten hat den Aufwand nicht gescheut und sich einen Klassiker angelacht, einen Corsaire. Seit ich ihn kenne, schwärmt er für diese Schiffe. Via Inserat aufgespürt und mit Slip-Tailer übernommen, fehlte nur noch die Kippvorrichtung zum Aufladen auf den bereits vorgängig organisierten Anhänger. Männer brauchen (offenbar) Herausforderungen und finden immer auch wieder Lösungen zu quasi selbstgestellten „Problemen“. Als gewandter Recyclist organisiert der Bauer sich Aluschienen und montiert die, assistiert durch die Kinder. Das Patent funktioniert auf dem Trockenen, wird es sich auch an der Rampe bewähren? Wir checken das aus.

Aufbruch ist angesagt zum schweizerischen Bundesfeiertag. Wir versprechen uns eine exklusive Sicht auf die Lichtershows am See, die diese Jahr wegen der anhaltenden Trockenheit spärlicher ausfallen werden. Doch erst will eingewassert werden und der Mast gestellt sein. Kaum flottiert das Schiffchen auf dem lauen Nass, da sprudelt es auch schon den Schwertkasten hoch. Wir legen vorsichtshalber mal am Steg an zur weiteren Beobachtung. Des ausgetrocknete Sperrholz muss sich erst wieder an die neue Umgebung gewöhnen. Wir schöpfen Wasser und richten uns ein, die Nacht sicherheitshalber landnah zu verbringen. Nach einer massvollen und doch imposanten Gewitterfront, die wir hautnah miterleben dürfen, kommen wir zum krönenden Tagesabschluss doch noch in Genuss von zwei, drei Feuerwerken. (Ich hoffe, es gibt ein anderes  Mal Gelegenheit, den Kindern die herzerwärmende Kette der kommunalen Höhenfeuer der Eidgenossen näher zu bringen.) Der Käpten übernimmt stillschweigend und verlässlich den Schöpfdienst (MERCI  CHERIE) und so schläft die Crew ganz gemütlich dem nächsten Morgen entgegen.

Der bootsinterne Wasserspiegel hat sich stabilisiert, wir können einen Schlag auf dem Zürichsee wagen Richtung Ufenau. Wenig Wind (hallo, kenne wir das nicht von woher?) und unser toller, bis anhin wenig benutzter Elektromotor (called: mixer) bringen uns zur Klosterinsel. Unter Segel legen wir an mit Ankerwurf, die Schiffsgrösse ist angenehm übersichtlich, zum Einspielen des Monövers ideal. Petrolherd an Bord muss sein, jedenfalls auf einem Bauer-Schiff. So brätelt uns dann der Käpten und Kombüsenchef ein Mittagsmenü, da mit offenem Feuer ja ein Grillplausch im Freien bei Feuerverbot nicht angesagt ist. Auf dem anschliessenden Landgang finden wir wunderbar sonnengereifte Bio-Brommbeeren zur Nachspeise. Oberlecker!

Die Rückreise nutzt der Käpten zum Erproben der Segelgarderobe. Ein mitgebrachter Spi aus dem Fundus bläht sich rotschimmernd im zunehmenend Wind. Die Jung-Crew wird zum Trimmen eingespannt, derweil die Schreiberin im dunklen Innenraum abtaucht. Bald kriegt das Boot aber wirklich gut Fahrt und es ist ein echtes Vergnügen an so einem Prachtstag quasi den See für sich zu haben. In Ufernähe steigt eine grosse Rauchsäule gegen den Himmel, wir werden ZeugInnen eines Grossbrands. Doch allsbald haben wir selber Action. An der Auswasserungsrampe wird nämlich voller Einsatz gefordert. Auf der Badeliegewiese scheinen die ZuschauerInnen schon auf ein Spektakel zu warten. Schon laufen Wetten, ob wir das Teil wohl so wieder rauskriegen. Es gibt aber glücklicherweise schnell Kontakt und Helfer melden sich zur Stelle, um letztlich mit Seilwinde und Manpower die Adios wieder auf ihren Hänger zu buxieren. Hau-Ruck, und gegen Mitternacht fahren wir dann zufrieden und müde den Berg hoch.

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PS: Gewisse Ähnlichkeiten von Vater und Tochter sind nicht zu verkennen! 😉

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Sommer im Wasser

Sommer im Wasser, im Süden. Es ist heiss und die Kinder wollen (hart am Sonnenstich vorbei) dauernd ins Freibad. Kein Problem, mittlerweilen sind sie gute SchwimmerInnen und selbstständig genug, um ohne Mamagard unterwegs zu sein (Papa hätte sie eh schon längst alleine ziehen lassen). Welche Entlastung! Sie schnappen sich die Frottetücher, stülpen die Badehose an, poltern durch die Kabine ins Freie und zag ist das Abenteuer lanciert für die nächsten Stunden, bis sie dann hungrig und aufgebracht wie eine energisch frische Welle wieder über das Schiff herschwappen.

Der Käpten ist derweil beschätigt mit Aufklaren und Komando üben, Tanks füllen, LED montiernen, Motoren testen, Tonbandgeräte reparieren und auch mit seiner Verdauung und der Hitze klar zu kommen. Draussen schippern die Sonnenhungrigen Richtung Hafenausfahrt, Welle um Welle bewegen wir mit. Unsere Sundance schwimmt im etwas schmutzigen Portwasser oben auf. Die Wasserlinie ist etwas höher als gedacht, aber tief genug, dass die Luken der Kinderkojen zwecks Durchlüften und Kühlen des Innenraums bedenkenlos offen stehen können tagsüber.

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Schatten spendet ein altes Leinentuch über dem luftigen Trampolin auf dem Vorschiff und das Cockpit wird provisorisch überdacht mit einem Sonnenschirm, den wir in Südfrankreich vor dem vorzeitigen Abfalltod gerettet haben. Ideal für die paar Tage hier im Hafen, um noch so einige Pendenzen zu erledigen. Die mitgebrachten Motoren (Zweitakt-Raritäten und ähnliche „Kaliber“) wollen platziert und verstaut werden, ebenso wie die zu reparierenden Zweiräder. Ein gutes Papa-Kind-Projekt mit viel Anschauungsmaterial und Praxisbezug. Seit Kindsbeinen an hat der Kätpen gelernt, für seine Mobilität selber einzustehen, mit Erfolg. Sowas gibt man sinnvollerweise auch gern seinem Nachwuchs weiter.

Die Bordfrau liest Yacht-Artikel über die weibliche Nachwuchsförderung im Segelsport. Ihr fehlt echt der Ehrgeiz, selber Skipperin zu werden. Sie drückt sich vor der Verantwortung, aber rumkomandieren lassen, will sie sich auch nicht. Einfach mitmachen ist zu banal. Verzwickte Sache. Kein passende Rolle an Bord, denn QuerläuferInnen sind nicht nur unbeliebt, sondern auch untauglich. Die meisten portraitierten Frauen, die am Ruder stehen, entstammen ausgesprochenen Seglerfamilien, sind auf Schiffen geboren oder sonstwie in Wasser- und/oder Bootsnähe aufgewachsen. Da kann ich echt nicht mithalten. Pfanzenmeer, Häusermeer, Menschenmeer, Automeer – irgendwie bekannt, bewältigbar scheinend , aber Wassermeer – fremd, wenn auch sehr verlockend anziehend gleichwie gefährlich abschreckend …. und dann noch all der Technik- und Motorenkram! Wind und Wetter! Ach du meine Güte. Was muss sich frau denn da beweisen? Oder hat in den letzten Jahren ganz einfach das Bedürfnis Mithalten zu müssen bei mir nachgelassen? Vielleicht ist auch ganz die Machbarkeitsillusion einer realistischeren Einschätzung gewichen? Wer weiss. Die nächste Generation wird zur Hoffnungsträgerin. Samona bietet schon sehr selbstbewusst Anleitung für Segelinteressierte an. Go for it!

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Seepfadi ahoi!

Als chronische Prospekt- und Flyerschnüfflerin stosse ich immer wieder auf den einladende Angebote an den unerwartetsten Orten. Manchmal ist es eben das letzte Papierchen, das genau hinter einem Stapel bereits terminlich verwelkt Blätter auf  meine Beachtung wartet. Von der Seepfadi hab ich ebenfalls durch einen solchen „Zufall“ erfahren. Klar bin ich wach und auf Ausschau nach interessanten Anknüpfungspunkten, wo es Möglichkeiten für Gruppenerfahrungen gibt. Der Info-Tag zur Saisoneröffnung hat eben dies geboten.

An einem strahlenden Samstag-Nachmittag tanzen wir also an im unteren Seebeckens am Landesteg Wollishofen nahe der Werft, wo auch die Zürichsee-Flotte angelegt auf ihren Einsatz wartet. Nach Geschlechtern getrennt findet die Besammlung der Aktiven und neugierigen AnwärterInnen statt. Samona findet bald ihren Platz, Lorhan ist nicht wirklich angetan von dem wuselnden Haufen uniformierter Jungs, die aufgeregt auf ihren Einsatz warten. Derweil dann die Mädels mit Ruderbooten in See stechen, findet sich im nahegelegenen Gemeinschaftszentrum eine ideale Zufluchtstätte für Mutter und Sohn und neue Veranstaltungshinweise :).


Die Saison für die Schifffahrt (mensch schreibt sich das tatsächlich mit drei f?) ist also offiziell eröffnet, nicht nur für die PfadfinderInnen. Das Angebot ist anregend vor allem auch die acht Lager, die in einem Haus im Obersee lokalisiert sind. Mal kucken wie sich Aufwand und Motivation in diesem Fall bei uns paaren. Jedenfalls tut´s der Seefahrerin wohl, mal wieder geblähte Segel zu erblicken. Schon reizvoll so ein Segelschiff in voller Fahrt.

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Smartkat reitet durch die Wellen

Ganz in unserer Nähe liegt auch ein Katamaran und wartet geduldig auf einen Einsatz. Er ist viel, viel kleiner, aufblasbar und super leicht. Er gefällt uns. Wir wollen ihn mal testen, mit Erlaubnis des Besitzers versteht sich. Endlich passt alles und wir können los mit dem Teil. Leichter Wind, wenig Wellen, direkt mit Segel raus aus dem Hafen. Der Käpten kreuzt auf und die Crew übt sich im Balancehalten,  Kopfeinziehen, Mitrudern bis wir raus sind aus dem Nadelöhr.

Ein schneller Flitzer, der locker über die  Wellen reitet… Ein Trampolin, das genug Platz bietet für vier Passagiere. Die Kinder hocken vorne auf den Schwimmern und lassen sich nass-spritzen. Ideal für eine erfrischende Zeit auf dem Wasser und recht einfach zu handhaben. Damit er auch künftig für eine spontane Spassfahrt einsetzbar ist, näht die Bordfrau eine Genua-Abdeckung und eine Persenning. Das schicke Gefährt gefällt ihr sehr gut, obschon sie auch nach all den Jahren noch nicht ihre Selbstseglerblockade überwunden hat… vielleicht, wir heissen sie immer noch hoffen, gelingt es hiermit.

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Die neuen Öko-Aussenborder

Mit der Vollendungstufe ist es nicht nur in spirituellen Zusammenhängen mitunter etwas harzig, auch bei uns zieht sich das Zur-Völle-bringen etwas dahin, vielleicht aus Angst vor der nachfolgenden Leere? Wer weiss. Der Multi-Tasking-Bauer operiert bekanntlich an verschiedenen Booten im Wechselspiel. Im Falle des kleinen Poppejs, dem selbstgebauten Kleinstsegler, der ebenfalls multifunktional ausgelegt ist, heisst es in der aktuellen Entwicklungsphase einen brauchbaren Aussenborder zu finden. Es gibt bereits mehrere Kandidaten, die auf der Testliste stehen, es dürften an die fünf sein, doch alle haben eines gemeinsam: sie sind revisionsbedürftig!

Der Bordmechaniker macht sich mal ran an die verschiedenen Modelle von Mariner über Seagle hin zu Johnson und Seahorse und wie sie alle heissen. Der eine mit kaputtem Vergaser, der andere mit rinnendem Tank, der dritte mit offener Diagnose… Wenn mal wieder einer bereit ist für den Testeinsatz im grossen Wasser, dann trommelt der Käpten die gesammte Crew zusammen, es wird eingewassert und los geht’s. Zeigen sich fernab des rettenden Ufers dann irgendwelche Schwierigkeiten wie ungünstige Winde oder fehlendes Benzin, lässt er sich abschleppen oder die Kinder übernehmen spontan und von sich aus den Rescue-Einsatz. Zwei fitte Öko-Aussenborder paddeln dann den Käpten wieder an Land für den nächsten Reparatur-Zyklus.

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Mittelmeer halt!

Wie oft ich das wohl schon von unserem Käpten gehört habe, typisch Mittelmeer. Wenig Wind, falsche Richtung. Tatsächlich treten wir gegen Mittag die Rückreise nach Oropesa an, Wind Nordost. Ok, wir motoren raus, um dann wenigsten ein Weilchen unter Segel unserem Ziel entgegen zu treiben. Auf der Höhe unserer Lucky Lady (ankerndes Frachtschiff vor Castellon) ist es dann soweit. Segel raus, Motor aus. Ein halbes Stündchen wohl, dann nimmt die Flaute überhand und das Geschaukel wird ungemütlich.

Der Skipper schein in seinem Element zu sein, er stellt sich voll zu Diensten, räumt auf, tunt die Segel, checkt die Position, trägt das Logbuch nach, kocht, wirft eine CD ein, legt einen Fischleine aus, kontrolliert den treuen Willy, der als neues Crewmitglied hier auch noch offiziell willkommen geheissen werden soll, unser neue Autopilot. Der Bauer ist ganz zufrieden mit ihm, super. Die Kinder dösen auf dem Vordeck oder hoffen auf Fischfang, verzehren Kaugummi und halten Ausschau nach Haien und Delphinen.

Claudia schwebt zwischen Himmel und Hölle, mal überwältigt vom Rundblick und der Ahnung von der so ersehnten Weite, dann wieder beschäftigt mit der aufkeimenden Übelkeit. Ein Wechselbad der Gefühle, das für sie ziemlich erschöpfend wirkt. Kampf mit den Parasiten, den nagenden Selbstzweifel. Schwer zu ertragen für den Käpten, der längst zu seinem überzeugten ICH-KANN-UND-ICH-WILL gefunden hat und tunlichst darauf achtet, nicht ins Opfer und damit ins Selbstmitleid abzugleiten.

Zu diesem 100% JA, das sich vielleicht mit „voll im echten Leben“ übersetzen liesse, hat die Schreiberin – zum Leidwesen aller – noch nicht gefunden. Sie sucht Wege hin zu und verirrt sich immer wieder im Unterholz, verhäddert im neurotischen Lianengewirr. Eine hoffnungslose Idealistin ohne greifbare Ideale auf der verzweifelten Suche nach Selbsterkenntnis und dem Wunsch von dieser ganzen Psychokacke endlich erlöst zu werden. Hier ist die Tür für den Exit, stosse sie auf, lass dich überraschen, hab den Mut…go, now!!

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Küstenfahrt nach Burriana

Endlich fügt sich alles soweit zusammen, dass wir mit unseren kleinen Moïra wiedermal einen Ausflug unternehmen – Saisonstart! Wir werfen die Leinen los und tuckern raus aus dem Hafenbecken. Schnell wird klar, dass der Wind uns heute nicht dahin tagen wird, wo wir hin möchten, so gilt’s halt gegen den mässigen Südöstler anzugehen mit unserem Knatter-Kuddel. Samona übernimmt derweil die Pinne und steuert gut und geduldig auf einen Container-Frachter zu der im Dunst vor Castellons ankert und sie an die moersische Molloch erinnert.

Um doch noch in den Genuss des edlen Dahingleitens im Wasser zu kommen, stellt der Käpten irgendwann den Motor aus und setzt die Segel… aahh… Wie anders es sich doch anfühlt, wie mehr Atem und Weite, Stille und Frieden das schenkt, augenblicklich entscheunigt. Klar, es würde bis in die Nacht reichen, wollten wir mit diesem Tempo weiterziehen und aufkreuzen. Irgendwann erfüllt Motorenölgeruch wieder die Luft, das Schiff gewinnt an Fahrt, die Segel verschwinden und am führen Abend laufen wir in Burriana ein, wo unsere Freundin mit ihrer angehenden Schwiegertochter schon auf uns wartet.

Die Violinistin untersucht grad mal als erstes die restaurierte Steiner-Geige, die Alfons im Brockenhaus erstanden hat. Sie reibt die Wirbel mit Grafit ein, stimmt die Seiten, harzt den Bogen und hebt an zu schwingen. Sie tönt wirklich schön so auf dem Steg unter freiem Himmel im familiären Kreis, willkommen. Die Kinder führen ihre Schätze vor, Zeichnungsmappen und Korrallensammlungen. Wir ziehen dann noch alle zusammen rüber zu Tonis überfülltem Strassenrestaurant, kucken uns Fotos vom letzten Jahr an und weiter in Claudias Heladeria für ein Kindereis. Diesmal gibt’s eine frühe Nachtruhe. Samona nistet sich bei Vollmond im Cockpit ein und schläft prächtig, Lorhan tief und fest, Claudia ok und Alfonso so lala, geplagt von irgendwelchem Schwerverdaulichem.

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PS: Die gute Canan hat jetzt ausgeschossen und endgültig ihren Fotoservice bei mir eingestellt, schade. Der sich momentan bietende Ersatz ist nicht wirklich zufriedenstellend (eine Videokamera mit Unterwasserfokus aus dem Discount) . Der Käpten ist auf Camera-Jagd, die Fotografin löst sich nur zögerlich aus ihrer Erstarrung.  

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Frei-Raum

Die Familie weg, kein Mann im Boot, keine Kinder…

Que bueno! Aire fresco! Ritmo libre! Tiempo para sentirme!

Erst in Distanz, im Wiederauftauchen, Wiedereintauchen in meinen Raum, ungestört, fällt auf, wie beengend das Zusammenleben doch manchmal ist, bei allen Freuden, die es auch mit sich bringt.

Es scheint lange her, dass ich mit meinem eigenen inneren Boot, inneren Ozean, inneren Insellandschaft so intensiv in positivem Kontakt war. Durch die vermeintlichen Forderungen des Alltags, der Partnerschaft, des Mutterseins lasse ich mich nur all zu leicht in Beschlag nehmen, ablenken oder gar irritieren. Ich verliere jegliche Übersicht, gerate vom Kurs ab, lasse mich von unerkannten Winden abtreiben, laufe auf Grund, strande, kentere,  schlage Leck, scheitere, alles kann passieren, nicht nur bei unverbesserlichen Anfängerinnen wie mir.

Segeln will gelernt sein, auch der Umgang mit Analogien und lernen heisst auch schnell einmal üben, versuchen, erfahren, anpassen. Willst du segeln lernen, Claudia? Manchmal sitze ich im Cockpit, stelle mich ans Steuer, befühle das metallene Rad, höre das Rauschen der ankommenden Wellen im Hintergrund, halte Ausschau. Ein kruder Cocktail an Gefühlen mischt sich in mir. Heitere Erregung paart sich mit ohnmächtiger lähmender Angst, Eroberungsgeist mit Überforderung, Resignation mit zäher Verbissenheit, Fluchtgedanken mit Abenteuerlust. Trockenübung. Madre mia, wie sich das wohl erst im Wasser anfühlt?

Endlich gehört die Sundance nur mir allein. Mein Schiff? Viel mehr war es immer das Schiff des Käpten Alfonso, dem Bauer. Er nahm es in Anspruch als ein Bauplatz, sein Aufgabe. Er stellte sich den Herausforderungen und tat es wohl gut. Und ich? Habe ich mich ganz einfach die ganze Zeit versteckt? Wie eine kleine Ratte, eingenistet in einem Fressbeutel, kaum atmend. Jetzt, wo sie alle weg sind, wo ich in ungehindert in Dialog treten kann, komme auch ich in Kontakt. Nicht nur mit dem oberflächlichen Bemalen des Decks. Der Kat ist nicht nur Joch, das mich bindet, nicht nur Loch, das unsere Finanzen frisst, nicht nur Kampfplatz oder Ort der Verwirklichung anderer. Es ist auch ein freier Raum von Möglichkeiten bei all seiner Beschränkung.

Ich streiche über den Rumpf, wandere mit meinen Fingerspitzen die unterschiedliche Texturen, rieche die frische Farbe, das Motorenöl, das trockene Holz. Lege mich in eine Koje und wähne mich in der Südsee, spüre den Schweiss auf der Haut, das Salz. Öffne die Luke und lasse den kühlenden Luftzug an mir vorbeiwehen. Stelle mich in die Küche und imaginiere wie wohl all die Gewürze schmecken und die künftigen Gerichte, die der Chefkoch persönlich damit zubereiten wird. Such meine Lieblingsplätze, draussen, drinnen. Finde mich zurecht.  All die Einfühlung braucht Zeit, Musse, die ich in der Hektik des alltäglichen Agierens und Reagierens nicht finde, mir nicht gewähre.

Wie träumte es mir immer wieder von „meinem Raum“ und wie wenig bin ich dafür eingetreten. Wie stark ist der Widerstand gegen jegliche Form von fremder Okkupation und wie wenig investierte ich in all den Jahrzehnten für das selbstermächtige Erlauben meiner Selbst. Immer wieder erlag ich der Versuchung, mich fremden Führenden anzuhängen, wohl bloss aus Angst vor der Selbstoffenbarung und dem Gewohnsein auf andere hören zu müssen, ohne es wirklich zu wollen. Zuerst muss da alles raus und weg, all die fremden Götzenbilder, Ideologien, die mich behindern. Sie verfolgen mich wie Höllenhunde, sie fordern ihren Platz. Ich krieche raus aus meinem Rattenloch, kuck blinzelnd in die Sonne, atme Morgenluft und fasse neuen Mut für eine nächste Expedition el cosmo incognito, sola con migo.

Ich bin gestrandet auf einer kleinen Insel, oder ist es eher ein Floss, ein Boot, ein Kat? Es bewegt sich, doch innerlich werde ich ruhig und sehe plötzlich, so fühlt es sich jedenfalls an, wie die Dinge wirklich sind. Ja, geh weiter, trau dich und vertrau deiner Wahrnehmung, so vernehme ich eine Stimme in mir. Der Raum ist nicht eckig, hat kein Oben oder Unten, er ist mehrdimensional, elastisch, sich verändernd, kaum zu fassen. Das hat dir Angst gemacht. Und das hat der Käpten dir voraus. Diese Furchtlosigkeit vor dem Kontrollverlust. Gott ist die Summe aller Möglichkeiten und Wirklichkeiten. Weitererkunden. Die Welt erklärt sich nicht mit Konzepten, sie lässt sich in ihrer verwirrenden Fülle nur bruchstückhaft mental erfassen. Abre tu corazón! Und wie mir das Spanisch hilft. Unverbraucht und wenig beladen liefert es mir Stichworte, die mich berühren, die mich auch motivieren. Conectar, wiederanbinden, religio…  MI dio es grande, MI diosa es fuerte.

Es ist Zeit, neue Wege zu gehen, neue Bilder zu finden, meiner Stimme zu folgen. Hilfen, um segeln zu lernen, den Wind zu fühlen, das Wetter zu deuten, die Wellen zu lesen, die Tiefe zu loten, den Kurs zu halten, den Abdrift zu berechnen, das Festland zu sichten, zu ankern, das Schiff zu kennen… Sicher mit mir unterwegs sein. Vale? Si!

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Neuschnee in Sicht

Das Arbeiten mit Erde und insbesondere mit dessen verfeinerten Variante Ton hat mich schon zeitlebens fasziniert und da liest sich so ein Angebot mit offener Tonwerkstatt natürlich wie eine Einladung ins Paradies. Wir fahren hin und stürzen uns zu dritt ins glitschige Vergnügen. Ein grosser Knetberg wartet da geduldig auf Bearbeitung. Es türmt und dellt, würstelt und löchert, ringelt und krümelt, filigrant und plattet, kugelt und würfelt, alles Mögliche entsteht und vergeht, ohne Aufsehen im Prozess. Wunderbar, nichts produzieren zu müssen, einfach ein kruder Riesenbatzen Ton, der nichts fordert und sich zur Verfügung stellt. Ein perfektes Yin?! Es lässt einem die Verantwortung des Yang-Parts erfahren, das tut gut. Das Atelier, ein Schonraum, der Moment, geschenkt, for free und unbezahlbar.

Wir fahren Richtung Berge, die sich nicht so leicht versetzen lassen, sondern manifest dem Wetter trotzen. Im Yberig treffen wir den Bergfrühling an, denn der letzte Schnee ist eben erst geschmolzen, die Schüsselblumen spriessen auf den feuchten Matten und in den Vorgärten beginnen die Tulpen und Narzissen zu leuchten. Doch wie der nächste Morgen zeigt, ist der Winter noch nicht vollends vertreiben. Die nahen Gipfel leuchten frisch gezuckert mit Neuschnee.

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Das regnerische Wetter lädt ein zur Einkehr und Lektüre. Was am dringendsten ansteht, ist dabei die Begegnung mit verdrängten Ängsten, resp. Ängsten, die via sozialem Umfeld zu mir kommen. …und dann die riesigen Wellen und die Stürme??? Wie ist da mit dem Wunsch in die Südsee zu fahren? Auf dem Meerweg heisst das ganz klar: sehr viel Wasser und sehr viel Luft ausgesetzt sein, alles in Bewegung, unentwegt und weitgehend unausweichlich. Da stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Hochseetauglichkeit unseres Schiffs. Aber erst mal gilt es für mich als Landratte mal den Begriff auszuloten. Was kommen denn da für Kriterien überhaupt zum Zug. Ich lese in K. Adlard Coles, wie der erfahrene Schwerwettersegler sich mit den unterschiedlichsten Booten durch haushohe Wellen treiben lässt und klitschnass bis auf die Knochen die übervolle Bilge auspumpt. Ich stelle mir das beschriebene Krachen und Tosen vor, das Dunkel der Nacht. Was reizt den, sich auf derartige Risiken einzulassen. Klar, im besten Fall hat mensch eine prachtvolle Überfahrt bei gutem Wind, mit vollen Tanks und Kassen und eitel Freude an Bord. Wo liegen die wahren Gefahren und wie kann mensch damit umgehen? Sicherheitsvorkehrungen und –Abwägungen und vor allem Kontaktnahme mit mir sind angesagt. Ich bin gewiss, dass Käpten Alfonso schon seit Anbeginn sein Bestes tut im Rahmen des ihm Möglichen und dafür bin ich ihm auch dankbar. Die Vorbereitungen sind vielfältig und es wird mir immer klarer, dass die Wegbereitung vielleicht viel aufwendiger und anstrengender ist, als der effektive Vollzug.

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Mittelmeerkreuzsee

Sonntag, Segeltag, letzte Woche haben wir ja gepasst. Heut geht’s dafür gleich nach dem Frühstück los. Der Käpten wandert mit den Kids zur Dusche, während die erste Matola das Schiff abreisefertig räumt: Abschattung runter, Abdeckungen weg, Cockpit-Kissen verstauen, Netze ran, Stangen rein, Kleinkram sichern, Wasser nachfüllen, Wäsche weg, Abfall raus… Leichter Wind aus Nordost, aber ziemlich Seegang, kleine Wölkchen, wir wollen Evariste entgegensegeln, der von seinem einwöchigen Segeltörn zurückkommt. Claudia nutzt die Gelegenheit, mal das neuste Basura-Bikiniteil vorzuführen, es gibt ja da auch noch ein paar Stellen zum Nachbräunen und der Käpten ist derart beeindruckt von der Premiere, dass er gleich ein Erinnerungsbildchen knipsen will, derweil er das Beiboot ausschöpft.

              

Daussen geht dann irgenwann die Krise los. Das Geschaukel ermüdet abartig, die Kids tauchen in der Kabine unter und versinken nullkommanix in Tiefschlaf – eine elegante Lösung, der Käpten hält den Dampfer am Laufen und die Restcrew würgt an der Reeling. Kaum ist der Magen entleert gibt’s Platz für kontempative Betrachtungen, über Gott, die Welt und die Seekrankheit, das eigene Schicksal und die Zwanghaftigkeit. Viele Themen melden sich. Das Unfassbare beschäftigt am meisten, die Gleichzeitigkeit von Ruhe und Stabilität, die der Horizont marktiert und die Bewegtheit der Wellen. Es ist weder noch, sondern beides und gerade diese Unentschiedenheit, Gleichwertigkeit, dieses Sowohlalsauch (ja eigentlich meinem Ideal entsprechend) macht mir zu schaffen. Es lässt sich wohl beschreiben, aber wie es sich anfühlt und wie es die verinnerlichte Fehlordung, die offenbar nach Dominanz und Unterodnung sucht durcheinander bringt, das ist viel schwerer zu erfassen.

             

Wie auch immer, wir landen irgenwann im nördlichen Nachbarhafen Alcossebre, der 15 Meilen entfernt liegt. Die Kids sind knittrig und kratzbüstig, durch den Wind halt, jedenfalls einen Moment lang und die Capitana froh um den Zwischenhalt. Einzig unser Muntermacher scheint im Element zu sein, er wird gebraucht, zum Regelnpauken (was ihm weniger gefällt) aber vor allem von Moïra (was ihm zu gefallen scheint). Da spickt was weg und dort will was angebunden werden, hier ein Fall aufzurollen und da ein Fender zum Verstauen, ein fast endloses Zuwendungsprojekt so ein Schiff. Er kocht und die andern erholen sich bei einem Spaziergang an Land. Schnell alles wieder im grünen Bereich, nur der Reissalat mit Meeresfüchten ist bunt. Meditation, Strand, Carachillo, Eis, Zeit für die Rückfahrt. Alfons setzt alle möglichen Segel und ich staune bloss. Zwischendurch erfasst mich auch ein Anflug von leichter Panik, mensch, wär ich aufgeschmissen, wenn der Käpten bei einem seiner zahlreichen Manöver irgenwie über Brod ginge. HALLO – Hilfe! Ein Stossgebet beruhigt den rasenden Geist der Imagination, da ist Nachholbedarf: hinschauen statt wegkucken, üben statt ignorieren, annehmen statt schirmzuklappen oder kurz mehr sowohlalsauch-integrierend: eher auch mal mehr DAS statt nur JENES. Well then.

Die Kids sind unter Deck in der Selbstversorung, am Pixi-lesen und Malen – wie schön und entlastend.  Ich geniesse die Fahrt auf dem Vordeck unter dem leicht geblähten Drifte, zärtlich gestreichelt vom Abendlüftlchen und nuckere schon bald ein im Motorengedröhne. Plötztlich erscheint der Skipper neben mir und erzählt was von einem neuem Grossegel für am Wind… mensch, was der immer für Pläne schmiedet oder sind’s bloss Ideen  und ich  nehm’s missverständlicherweise gleich schon als endgültigen Auftag in meinem Pendenzenblock auf. Überforderung Ahoi! und das Chaos droht wieder loszubrechen. Das innere Vorzimmer fehlt, die Pufferzone ist zu klein, Stress, muss das sein? NEIN, Danke. So ein Paarleben ist anspruchsvoll, zuweilen anstrengend, aber manchmal auch vergnüglich, bereichernd und kann von supereklig bis topangenehm sein. Ein echtes Potpurri à la manière de SOWOHLALSAUCH.

Irgendwann krabbelt der kleine Mäusemann aus der Luke und nistet sich gemütlich bei mir ein. Dann sing ich das Söhnlein in den Schlaf vor der beleuchteten Marina D’Or. Gemütlich und ruhig tuckern wir kurz vor Mitternacht im heimatlichen Hafen ein und sehen noch Kerzenlicht auf einer unbekannten Jawl. Die Kinder schlafen seelig und wir gehen auf einen Schwatz rüber zum schönen Holzboot. Ausklang findet der Tag mit unserem obligaten Zwiegespräch im eigenen Cockpit. Ende-Aus-Maus.

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