Erinnerung

Onkels SE280 Merz wird wieder fit

Seit einigen Jahren staubt er vor sich hin, der gute alte Merz aus erster Hand, des Onkels Hand, der ihn mit Stolz gefahren ist. Schwer und träge steht der 1982er WBD 126 da, mitten im Schuppen, derweil der Oheim die Pension feiert und seinen Brief schon lange abgegeben hat. Mutters Traum war zwar einst ein weisser Mercedes, den ich ihr in kindlichen und übermütiger Grosszügigkeit zu schenken versprach, wenn ich mal „GROSS“ bin. Älter bin ich zwischenzeitlich geworden, aber GROSS?. Zu meiner Entlastung habe ich auf eine Spielzeugmodell-Variante zurückgegriffen. Sie selbst hat sich des treuen Gefährten des Schwagers erbarmt, blau halt, aber solide im Bau, wie sie es zu mögen scheint. Nur ist auch sie in die Jahre gekommen und das schwere Vehikel entspricht nicht mehr wirklich ihrem Fahrvermögen, wie sie weise selbst einschätzt. Doch jetzt, was tun damit?

Es ist nicht wirklich ein Sammlerstück und ohne Motorfahrzeugkontrolle sinkt der Marktwert in den Keller. Der Bauer nimmt sich der Sache an und dröselt sich mit Assistenz der Kinder und fachkundigem Rat von der nächsten Merz-Garage durch die Eingeweide des alten Automobils. Als erstes muss mal ne brauchbare Batterie her. Dann scheint’s noch an der Benzin-Zuleitung zu happern und der Tank wird mit Cola gereinigt. Die Arbeiten werden in Intervallen getätigt, wenn halt Kapazität frei wird, die Umstände günstig sind. Beim nächsten Anlauf, Monate, Meer- , See- und Strassenmeilen später ist was mit dem Anlasser nicht mehr in Ordnung. Eine Übung in Geduld, die der Käpten offensichtlich aufzubringen vermag. Die Schreiberin staunt bloss bei sporadischen Visiten über die detailreichen Auslagen auf der Werkbank. Da noch ein Schlauch und ne Pumpe in Teilen, jede Menge Schrauben und …. Er wird es hinkriegen, es ist eine seiner Stärken, Durchzuhalten und Dranzubleiben. Er wird ihn vorführen und durchkommen. Wir werden in ausschreiben und ich wünsche mir jetzt schon einen geneigten Käufer, der seine Passion zu schätzen weiss.

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Kopflose Hähne

Im Frühjahr haben wir sie schlüpfen gesehen, die kleinen herzigen Küken, die im Brutkasten auf einem Biohof einer befreundeten Familie im Jura das Licht der Welt erblickten. Die Kinder waren voll Neugier und Begeisterung dabei und haben ihnen Namen gegeben… Aurora, Fortuna und so. Mehrmals täglich wurden sie besucht und gestreichelt. Nicht alle haben die erste Zeit überlebt. Die Kräftigeren haben es dann bis in den Hühnerhof geschafft.

Monate später, akkurat zum „richtigen“ Zeitpunkt führt uns das Leben wieder zu ihnen. Sie sind gross geworden, gackernd und scharrend gedeihen sie im Hinterhof, nicht ahnend, dass für einige bereits die Stunden gezählt sind. Hühner legen Eier und das gibt ihnen vorerst ne Schonfirst und nen Freibrief fürs Winterfutter. Zu viele Hähne allerdings verderben den Frieden, belasten das Budget und müssen deshalb noch im relativ zarten Alter das irdische Dasein wieder verlassen, um geniessbar im Kochtopf zu landen.

Nun gut, eine Super-Lektion im Umgang mit sogenannten Nutztieren. Alle essen wir gerne Poulet-Fleisch und wer mag dem Federvieh den Kopf abschlagen? Traditionellerweise muss der Bauer hinhalten und sein Karma abtragen resp. chargen. Diesmal wird die neue Hackab-Methode mit der Astschere ausprobiert, die sich als sehr tauglich erweist. (In Rücksichtnahme auf sensiblere Gemüter wird auf eine weite Detaillierung hier verzichtet.) Blutige Hände gibt’s dennoch und vereinzelt ein kopfloser Flatter-Tanz, bis der letzte Muskel ausgezuckt hat. Nichts wie ab in den Brühtopf, damit die Federn leichter zu rupfen sind. Die Kinder staunen, wie einfach die Kiele aus der heissen Haut rauskommen. Ein rundum sinnliche Erfahrung. Erst muss zwar vor allem bei den Jungs der Widerstand gegen den strengen Geruch überwunden werden. Die Mädchen sind durch ihre Herz- und Lungen-“Operation“ an einem geschlachteten Lamm vom Vortag her schon etwas akklimatisiert und lassen sich schneller auf die Entdeckungsreise ein. Die Schreiberin darf dann den Bauch aufschlitzen und die warmen Innereien rauspopeln, was in der konkreten Ausführung weit interessanter war als es vielleicht jetzt in der Beschreibung rüberkommt. Es gibt nämlich durchaus viel zum Staunen, begreifen, lernen und erfahren. Wie lässt sich die taktile Qualität einer Leber oder der Geruch des Gedärmes oder die Farbe der Galle oder die stählerne Härte des Magens oder die Form des Herzens, die Elastizität der Bindehäute, die Schwammigkeit der Lunge etc. sprachlich fassen? Und wie erst das Gefühl bei berühren des erkaltenden Körpers der nach und nach erstarrt?

Gut es gibt Fotos oder Bilder, Filme und Literaten, die das vielleicht besser hinkriegen als ich, mit mehr Geduld und poetischer Einfühlung. Jedenfalls ist es für mich enorm wichtig unseren Kindern Zugang zu derartigen Situationen zu verschaffen. Einmal selber in der Hand gehabt, gerochen, betrachtet und umgedreht, reingebissen und runterklatschen gehört ist so viel wert. Wie mag ich mich gut an meine eigene Kinderzeit erinnern. In einem Paket wurden uns die Eintagskücken zugestellt. Dann kamen sie sofort unter die Wärmelampe. Ich seh heute noch den zarten Schimmer des roten Lichts der sich mit dem flaschigen Gelb der Federbällchen magisch mengte und ganz eigene Farbtöne hervorbracht. Das aufgeregte Gezappel der kleinen Wesen, den Geruch des Futter, die reptilienartige Haut an den Krallen, die undefinierbare Konsistenz ihrer Kacke… Wouh, ein echte Erinnerungslawine wird da losgetreten!!

…zurück zum frisch gerupften toten Hahn …nicht zum Selbstzweck oder zum reinen Erkenntnisgewinn wird seziert, nein, wir wollen ja Hühnersuppe kochen, mit Gemüse aus dem Hofgarten… Kabis, Karotten, Zwiebeln, Lauch… eine weitere sinnliche Offenbarung für alle bereits Eingeweihten. Recall your own memory!!

PS: Ich wünsche alle Lesenden und all deren Kinder solch sinnreiches Erleben

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Pipende Osterüberraschung

Ganz passend zum Fruchtbarkeitsfest der Ostera schlüpfen die kleinen Küken. Zwar hat sich kein Huhn auf dem Hof zum Brüten entschieden, aber was kann mensch denn schon von hochgezüchteten Legehennen anderes erwarten. Sie erfüllen getreu ihren genetisch forcierten Auftrag, die Aufzucht des Nachwuchses wird sekundär, die ursprünglichen Impulse sind bereits weitgehend manipuliert. Anyway, für sowas ist der Brutkasten mit elektronischer Wärmekontrolle und automatisiertem Wendemechanismus erfunden worden. Und siehe an, es funktioniert.

Nach und nach beisst sich ein Küken nach dem andern mit seinem Eizahn durch die harte Schale. Nicht allen gelingt es. Einige bleiben in ihrem halb geöffneten Ei und sterben den Erschöpfungstod zur Freude der hofeigenen Katzen, die bereits auf die zarten, frischen Leckerbissen warten vor der Haustüre. Wem’s gelingt, die Schwelle zwischen Innen und Aussen erfolgreich zu passieren, hat’s aber noch lange nicht wirklich geschafft. Erst bleiben sie mal voll flach liegen, bis der Atemrhythmus sich eingependelt hat und die flaumigen Federchen getrocknet sind. Rasch werden sie dann munter, pipsen rum, wohl auf der Suche nach ArtgenossInnen. Die Wärme der Glucker wird mit der Wärmelampe ersetzt. Was sonst bei dieser reduzierten mütterlichen Zuwendung alles entwicklungsmässig auf der Strecke bleibt (von wegen gestärktem Immunsystem und so), darüber lässt sich bloss spekulieren. Die Kinder haben jedenfalls eine helle Freude an den kleinen Geschöpfen und rennen immer wieder zur Kiste, um „ihr“ Küken zu steicheln und klar auch mit allen anderen zu vergleichen. Schon bald sind sie nämlich nicht mehr alle bloss gelbliche Knäuelchen, sondern es zeichnet sich die Musterung des künftigen Federkleids in Form von dunklen Flecken ab. Schon nach drei Tagen sind ganz deutlich die ersten Flügelfedern erkennbar. Fantastisch wie rasant und perfekt der Prozess abläuft. Immer wieder neu eine Feier des Wunder Leben!


Den Rest der Eier, welche die fleissigen Hennen täglich vor sich hin legen, haben wir  als österlicher Zier mit Kräutern umgarnt und in Zwiebelhäuten gekocht. Eine schöne  Kindheitserinnerung von mir, die ich nur all zu gerne endlich mal zur rechten Zeit, am rechten Ort zu neuem Leben erwecken konnte, Ostera und Sabine sei dank!

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Wachsendes Baumbewusstsein

Mit jedem Tag scheint mir die Bedeutung von Bäumen in meinem und unser aller Leben mehr bewusst zu werden.

Letzthin hat mein Bruder einen alten Zwetschgenbaum auf unserem Familienhof gefällt. Nein, nicht irgendeinen, den letzten, alten Hochstamm von den über dreihundert, die ursprünglich auf diesem Boden standen. Wie sich die Zeiten geändert haben. Eigenes Obst ( Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen, Kirschen und sogar Aprikosenspaliere) waren einst ein Stolz und klar auch viel Arbeit. Mit der zunehmenden Rationalisierung in der Landwirtschaft wurden sie nach und nach alle eliminiert. Es hat sich der Zeitaufwand nicht mehr buchhalterisch gerechnet, Fällungen wurden gar staatlich subventioniert und die Qualität von eigenen Früchten waren damals von anderer Gewichtung. Heute kann mensch sich ja mehr als glücklich schätzen wenigstens noch im kleinen privaten Bereich Einfluss auf die Produktionsbedingungen (von wegen Bio und so) zu nehmen.

Bäume unterliegen ja bekanntlich wie alles Organische auch einem Lebenszyklus. So  krachen morsche Bäume eines Tages ganz einfach in sich zusammen. Aber selbst äusserlich stark wirkende Tannen können zu Fall kommen bei böhigem Winden. Im nahen Wald haben wir letzthin nicht schlecht gestaunt, wie bäumig da Riesen entwurzelt wurden. Daraufhin haben ich mich auf Spurensuche nach den Marksteinen gemacht, die mittlerweilen ziemlich verwachsen sind. Aber was bedeutet es eigentlich, selbst FamilienwaldbesiterIn zu sein? Wald ist mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Was wächst denn hier alles? Wie spielt das zusammen?

Meine Mutter will unter dem jungen Nussbaum beigesetzt werden, das hat sie verlauten lassen. Sie ist mittlerweilen 82 Jahre alt und macht sich Gedanken über das Leben und Sterben. Ich besuche „ihren“ Baum und kann gut nachvollziehen, dass sie hier eine letzte Ruhe finden mag. Der Baum wurde vor etwa zwanzig Jahren an einem sonnigen und exponierten Ort gepflanzt, er nimmt allmählich Gestalt an und verspricht, dereinst gross und kräftig zu werden. Der alte Nussbau an einem tiefer liegenden Standort ist sichtlich dem Zerfall ausgeliefert. Jedes Jahr brechen mehr Äste ab, schlagen weniger Blätter aus und setzen mehr Flechten, Pilze und Moose an. Der einst so stattlich Baum wird zusehens zum Schatten seiner selbst. Von ihrem Letzteruhestättebaum aus sieht man nicht nur prächtig über die Gegend in die Berge, sondern auch auf den Hof, auf dem sie seit über 60 Jahre gewirkt und auf den Hof, auf dem sie aufgewachsen ist, die Kapelle, die dank ihre Familie an diesem Ort gebaut werden konnte. Bei klarer Sicht kann man sogar noch einen Blick auf den See erhaschen und in der Ferne die Stadt grüssen.

Bäume als (Projektions-)Partner, treue (wenn auch ortsgebundene) Lebensbegleiter, stille Zeugen, Erinnerungsträger.  Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich, wie die persönliche Lebensgeschichte mit Bäumen in Verbindung steht. Auch mit dem obenewähnten Fellenberg-Zwetschgenbaum, der so schmackhafte Früchte lieferte. Ich erinnere mich noch bestens an die Farben der Früchte, an das Sonnenlicht bei Zusammenlesen, an die Holzkisten, die Wespen, die an den überreifen Früchten im Gras nagten… Leider wurde in meinem Fall nicht der bäuerlichen Tradition folge geleistet und anlässlich meiner Geburt ein Baum gepflanzt. Für meinen Brüder wächst ein Kastanienbaum, bei meinen anderen Geschwistern weiss ich es gar nicht. Aber anlässlich der Geburt einer Tochter von Freunden wurden ein Birnbaum mitten im Garten gepflanzt und wir durften bei der Einpflanzung mit dabei sein. Schön, das es das noch gibt.
Überall spriessen jetzt die jungen Bäume, haufenweise Buchnüsse springen auf, Eicheln platzen, Kastanien keimen, Ahornpropeller…Einige habe ich ausgewählt und eingetopft, um ihr Wachstum zu verfolgen und sie vielleicht dereinst bewusst irgendwo zu setzen, auch als Referenz für unsere Kinder. Lieber spät als nie!

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Traumland Treibhaus

 

Es ist fast wie eine Unterwasserlandschaft. Schon als Kind bin ich immer wieder gerne eingetaucht darin. Ein Treibhaus, eine Wunscherfüllung höchsten Grades für meine leidenschaftlich gärtnernde Mutter. Ihr Reich. Ein Raum der grünen und blühenden Glückseeligkeit. Mein Vater hat ihr das Glashaus gebaut, fast wie ein goldener Käfig, sogar mit einem grossen betonierten Wasserbecken. Alle Elemente begegnen sich darin und verbinden sich auf wundersame Weise zu einem fruchtbaren Wachstum: die braune Erde, das gesammelte Wasser, die zugfreie Belüftung , das sonnige Wärme-Licht-Feuer. Künstlich optimierte Bedingungen für einen der tollsten Prozesse hienieden, die Photosynthese.

Ich erinnere mich an die vielen Pickierschalen, die überwinterten Eternitkisten voll zurückgeschnittener Geranienstöcke, die Tomatenstauden mit den sonnenwarmen Früchten, die ich für den mittäglichen Salat frisch ernten durfte. Die Ansammlungen von Garteninstrumenten und Blumentöpfen, die Schachtel mit den Samensäckchen, die Düngerabteilung, unzählige Giesskannen und viele einzelgängerische Gartenhandschuhe. Und immer war da auch ein kleiner Tansistor-Radio. Nach dem Mittagessen so gegen zwei Uhr kam jeweilen früher die sogenannte Frauenstunde. Ich erinnere mich nicht mehr an die Themen, aber an die Dringlichkeit, mit welcher sich Mutter für diese Sendung in ihrem Reduit zum Werkeln zurückzog, wie eine Künstlerin in ihr Atelier. Ein Gehäuser in dem Transformatives in Gang kommt, eine Art Schutzraum, Gefäss, Gebärmutter. Faszinierend. Danach sehne ich mich auch, nach dem schöpferischen Raum, der ungeteilten Keimzelle, in der das Einzigartige gedeihen kann bis zu seinem Durchbruch in die Welt.

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Sturmwarnung an der Costa Azahar

 

Nun es ist zwar mittlerweile überstanden und war halb so wild wie angekündigt. Die prognostizierten 4 m Wellen und der starke Nordöstler fielen insgesamt gnädig aus und waren doch eine gute Probe. Vorbereitung ist insbesondere im maritimen Kontext oberstes Gebot mit ausuferndem Geltungsbereich. Überall im Hafen wurde es spürbar. Die offiziellen Stellen verschickten Wahrungen, die Marinieros erhöhten ihre Kontrollgänge und wechselten präventiv nicht mehr vertrauenserweckende Anleger. Die Eigner selbst zeigten erhöhte Präsenz. Die einen zurrten fachgerecht die Persennings und Genua-Abdeckungen enger, die andern kauften kurzerhand neue Planen im Baumarkt und einer kam sogar auf die fragenwürdige Idee, sein Motorbötchen mit vier Duschvorhängen vor dem grossen Luft und Niederschlag zu schützen.

Der Käpten am eigenen Bord checkte selbstverständlich auch alles x-mal durch und hielt pflichtbewusst Pikett. Die Bordfrau war dann eher im Aussendienst tätig und überprüfte Lager und an(vertraute) Boote. Dabei bot sich auch Gelegenheit den freigewordenen Platz auf dem Trockendock nochmal zu besuchen. Alles verschwunden wie ein Spuk, keine Spuren mehr, fast keine, ausser einigen Farb-und Epoxi-Kleckser auf den gossen Betonplatten erinnert nichts mehr an unsere jahrelange Wirken. Fühlt sich gut an, aufgeräumt, abgeschlossen, geklärt.

Die nächste Frage wird sein, wo wir einen geeigneten Platz finden für die anstehende Testphase. Die Motoren haben schon mal glücklicherweise den ersten Prüfpunkt bestanden und das Schiff manövrierfähig gemacht. Doch die Funktionstest der vielen anderen Komponenten ist pendent: Ankerwinch, Gross-Rollreff, Bordinstrumente, Wasseraufbereitungsanlage, Windgenerator, Duschvorrichtung und Fäkalientank, um nur mal einige aufzuzählen.

Auch der sonstige Wohnkomfort ist noch auf dem Prüfstand. Schlafen auf rückenschohnenden Matratzen, Aufhängevorrichtungen für Ölzeug, Schuhkästen, Einrichten des Navigationstisches und dergleichen ist ausstehend. Nach und nach findet alles seinen Platz und eine taugliche Ordnung, die dann auch gewiss mehr motiviert, die erforderliche Disziplin für deren Aufrechterhaltung aufzubringen.

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Ein bisschen Spätherbstglück

Ich geb’s zu, ich vermisse die Laubbäume. In der trockenen Küstenzone, wo die mediterane Vegetation tolle Sukkulenten hervorgebracht hat mit farbigen Blüten und bezaubernden Blätterarrangements, die immergrün ganzjährige Präsenz zeigen, hier wo die Bäumchen nur in begossenen Plantagen grün bleiben und das colline, steinige Hinterland spärlich mit Pinien bewachsen ist, die Flussläufe längst keine Wasser mehr führen, hier gibt’s kein Laub.

Da zeigt mit jemand Bilder von Südengland, das er aus beruflichen Gründen kürzlich bereist hat und mir kommen fast die Tränen. Genau, Inbegriff für Herbst und Reife, Fülle und Ernte war und ist eine Landschaft voller Farben, gelb, rot, orange, braun und ein stahlblauer Himmel mit sattgrünen Wiesen dazu. Wie konnte ich das nur vergessen?

Weniger Temperaturschwankungen, weniger Niederschlag, höhere Durchschnittstemperaturen, stabilere Wetterlagen, all das hat seinen Preis. Die saisonalen Schwankungen fallen weniger ins Gewicht und sind somit auch nicht so deutlich wahrnehmbar.

Mehr per Zufall finden wir im Hinterland einen verwilderten Flusslauf mit meterhohen Schilfrohren und besäumt von gelb belaubten Papeln und Platanen. Die Kinder jubeln und wuseln aufgeregt durch das raschelnde Laub, scharren Haufen zusammen, veranstalten Blätterschlachten und lassen Goldregen über sich ausschütten, fangen einzelne fallende Blätter und suchen die gefälligstisten Musterungen heraus. Im Flussbett schlängeln sie sich bis zum Wasser durch, in einer tieferen Mulde ist noch was hängen geblieben.Stundenlang bauen sie Flosse und Katamarane, schwimmende Insel und Brücken.

Da nutze ich die Zeit bergan zu geben und mich in den stillgelegten Korkeichenwäldern zu verlieren. Die Bäume, einst rege beschnitten wie man an den geschälten Stämmen noch gut erkennen kann, sind mittlerweilen wieder sich selber überlassen. Die einstige Kulturlandschaft durchzogen mit Steinmäuerchen und einem weitreichenden Wegnetz wird von der Natur wieder zurückgewonnen. Moose und Flechten legen sich über den steinigen Boden und an die knorrigen Stämme, efeuartiges Gewächs klimmt zu den Baumkronen hoch. Wie leicht diese Rindenstücke sind und wie dick. Häufigste Begegnung mit diesem eigenartigen Material sind wohl die Falschenzapfen, Korken. Wie hatten denn die Römer ihre Amphoren verzapft? Wein hatten sie doch darin gelagert, oder? Wer kam denn überhaupt aufs Weinkeltern? Ich kann auch nicht erklären, wieso Holz braun ist und musste zugegebenerweise ungern eine diesbezügliche Frage unseres Sohnes offen stehen lassen. Wie wenig frau über so Alltägliches weiss. Kork ist jedenfalls ein interessanter Rohstoff, weich, warm, elastisch, hautfarben, wasserabweisend… Wir haben im Schiff Kork-Böden eingebaut und im Cockpit die Sitzflächen mit korkgranulierter Isolationsfarbe beschichtet. Grund genug, mal noch was mehr über Kork in Erfahrung zu bringen.

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Dulden heisst beleidigen?

Kaum ist die familieninterne Diskussion zum Thema Haus- resp. Bootstiere am abklingen, drängt sich schon neues Getier in unser Bordleben. Beide Kinder haben sich ja so ihre Gedanken und Träume gemacht, Samona ist eher der Säugetiertyp und wenn schon Hund und Katz nicht gehen, wie wär’s denn mit nem Hamster. Bei der Mama könnt’s vielleicht mit Ach und wenig Krach noch durchgehen, die hat ja ne unerfüllte Hamstergeschichte aus ihrer eigenen Kindheit und ist deshalb latent kompensationsanfälliger. Der ferienhalber ausgeliehene Nager aus dem Kindergarten war nämlich damals bereits am ersten Abend spurlos in den Holzböden des alten Bauernhaus verschwunden und von Stund an unauffindbar geblieben. Voll Anti-Bingo ist das Anliegen beim ideologisch sattelfesteren Käpten, der eine Vorliebe für wilde Tiere hegt und das Einsperren resp. das damit verbundene Dominieren gar nicht mag. Sein eigener Geburtstagshamster hatte gerade mal drei Tage im Rad die Runden gedreht, bis er endgültig den Pfau machte und kurzerhand das Zeitliche segnete. Er musste dann nochmals einen aushalten, die werden ja zum Glück nicht so alt, der Gestank der Exkremente, das dauernde Geratter und Geknabbere des nachtaktiven Tiers…überzeugende Argumente, die bei uns eine recht rasche Entscheidung herbeiführten.

Lorhan verliebte sich eher in was Wassernahes, aus pragmatischen Gründen, denn wir haben letzthin auf einem Kat im Nachbarhafen auch mal ein Terrarium mit Wasserschildkröten gesehen. Das hat ihn fasziniert und ich muss zugeben, ich hätte mich fast auch verlocken lassen bis wir dann was über die Lebenserwartungen (so an die 30 Jahre!), Bedingungen, Platzbedarf etc. in Erfahrung gebracht haben. Aus der Traum! Bleibt der imaginierte Kakadu auf der Schulter der Bordfrau oder eben seit neustem ganz konkret ein graues schlaues Pelztier.

Das Schiff ist alles andere als am Sinken und dieses Viech ist eben daran sich hier einzuquartieren. Erst war es ja noch ganz süss, als Lorhan die Ratte erstmals vor ein paar Monaten auf der anderen Seite des Platzes gesichtet hat beim Kompost-leeren. Dann hat sie sich immer mehr in unsere Nähe getraut, an die Wasserstelle und wohl ab und an mal einen Krümel gefunden. Als dann ne gewisse Zeit das harte Brot für die Fische liegen blieb, hat sie das als Einladung genommen, sich direkt vor Ort einzunisten. Wie wär’s mit ner Zähmung? Schliesslich ist die Ratte ja Lorhans chinesisches Sternzeichen und er hat eine Affinität zu dieser Art. Ok, mal zusehen, was passiert. Samona stellt einen kleinen Gabenteller hin. Einer der Hafernkatzen, wir nennen ihn Kater Mikesch, hat auch Lunte gerochen und streicht in letzter Zeit besonders häufig um unsere diversen Materialdepots unter dem Schiff. Dann wollt ich anfangs Woche mit dem kleinen Büsschen losfahren und was entdecke ich da auf dem Teppich? Rattenkacke, wie geht das denn? Wo kommt die durch? Der Käpten sichtet anderntags einen Rätterich auf dem Abfallkübel, aha. Den Kindern frisst er die Gummibälle weg und seit gestern hat er auch den Werkstattbus erobert. Er hat nicht nur gewagt, die gesammelten Essstäbchen vom Asienrestaurant anzuknabbern, nein, auch meine fast lebenswichtigen Feuchttücher hat er aufgerissen – eine neue Packung, ein ungewaschenes Kindert-Shirt mit Fruchtsaftflecken – voll Löcher. Mensch stelle sich vor, was der für ein Richorgan haben muss und was für einen gnadenlosen Appetit und erst der Geschmackssinn. Vielleicht ist er ja auch schon längst mit seinem ganzen Clan am rumpirschen. Das hätte ich alles noch so zähneknischend dulden können. Das Problem zur Sprache bringend, zeigen sich folgende Reaktionen: die Kinder plädieren für Lebendfalle, der Bauer enthält sich diskret mit dem lakonischen Kommentar „Ratten sind Ratten“, die Bauerin erwägt Rattengift. Das war gestern. Heute morgen entdecke sie allen Ernstes, dass dieses Wesen bereits aufs Schiff raufgeklettert sein muss und sich an den Nektarien aus dem Früchtekorb bedient hat. Der Kragen platz, als sie ihre aller bequemsten Ledersandalen anziehen will und feststellen muss, dass sie die gesamte Innensohle abgenagt haben, an beiden Schuhen. Schluss mit Lustig! Jetzt müssen konkrete Massnahmen her. Die Autos werden ab sofort ausserhalb des Werkbereichs parkiert, wo sie wunderbar von den vielen Hafenkatzen bewacht werden. Alles Essbar wird mal gut verstaut und statt dessen an verschiedenen Orten lecker duftende kleine grüne Kügelchen ausgelegt. Mal sehen wie’s morgen aussieht. Die Variante Lebendfalle als ergänzende Möglichkeit wurde vorerst aus Kostengründe nicht weiter verfolgt.

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. (Goethe)

Goethes Zitat ist mir eben zugefallen und regt mit zum Grübeln an, fern ab jeder praktischen Empfehlung. Zwar hab ich keinen Schimmer, in welchem Zusammenhang er diesen Satz geäussert hat, ist bei Aphorismen auch nicht zwingen nötig, ausser für Bildungsbürger, zu denen ich mich ja nicht wirklich zähle. Mit meiner vorübergehend toleranten Gesinnung ist es betreffs Ratten im unmittelbaren Lebensumfeld jetzt jedenfalls definitiv vorbei (oder doch nicht? Zweifel tauchen auf, die Schlagkraft sinkt rapide). Ich anerkenne die Problematik der Koexistenz,  anerkenne die Ratten als würdige Lebewesen, doch dulde ich nicht länger die mir übergriffig scheinende Art. Wenn sie vielleicht erst fragen würden (haha!). Klar gibt es so was wie Gewissensbisse, Skrupel. Die Rache ist bekannterweise eines der stärksten Handlungsmotive, doch sie ist nicht alles, was mich antreibt. Ich habe auch das ganz reale Bedürfnis uns zu schützen vor einer ungewissen Invasionsmacht. Vergiftet werden ist bestimmt keine angenehme Todesursache. Mir wär auch lieber das Tier (die Tiere?) lebend zu fangen und dann ins Exil zu fahren, fernab vom Hafen, wohin wüsst ich auch noch nicht. Es bleibt Unsicherheit, ob das Übel auf diesem Weg tatsächlich aus der Welt geschafft werden kann. Dulden heisst beleidigen! Inwiefern? Wen? Vielleicht mich selbst, wenn ich mir alles anfressen und vollkacken lasse von diesen …. Dulden heisst beleidigen! Das gilt es noch zu hinterfragen,  fühlen und auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen… Es nagt weiter in mir…hör ich da nicht eben ein Geräusch im Cockpit???

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Gärtnern auf dem Trockendock

Die Funkien gedeihen prächtig in der mütterlichen Obhut, auch so der rote Klee, der nach der Haushaltsauflösung bei ihr landete. Was wohl aus dem Fensterblatt geworden ist, das jahrelang den Wohnungseingang zierte. Der grosse Ficus beniamini ist langsam aber unweigerlich eingegangen, zu weit weg vom nährenden Licht war er gestanden. Ach ja, die Kakteen und vor allem die tollen Sukkulenten, z.B. der „Lebbaum“, der aus einem Sprössling von der ehemaligen Nachbarin entstammt. Genau, da war ja noch ein grosser Farn in der Küche und Orchideen auf der Fensterbank… Ich habe kaum mehr an sie gedacht, ich habe sie alle verlassen, aufgegeben, weggegeben… was bleibt ist die verblassende Erinnerung und eine unerfüllte Sehnsucht.

Zu wenig innere Entschiedenheit und entsprechend wirre äussere Umstände, verunmöglichen es einen eigenen Garten im klassischen Stil anzulegen, der an ein fixes Stück Boden gebunden ist. Eine terrestrische Festlegung widerstrebt noch immer meinem schwer zu bändigten Freiheitsdrang. Aber ich erkenne auch immer mehr, den Preis, den ich für die Aufrechterhaltung meiner Illusion zahle. Umso mehr entdecke ich jetzt die Vorteile von Blumentöpfen. Ja klar, gemäss gängiger Definition ist ein Garten ein abgegrenztes Stück Land (resp. Boden, sprich Erde) unter mehr oder minder intensiver Pflege und kann als Nutz-, Zier- oder Mischgarten genutzt werden und erfüllt auch aller meistens therapeutische Zwecke. Was ist denn ein Topf anderes als ein Stück umfriedetes Land, um darauf/darin Pflanzen anzubauen?

Wie ein Schiff eine schützende Schale darstellt, die im Wasser schwimmt ist ein Blumentopf ein bergendes Gefäss, das dem Grün Lebensraum schenkt. Das Erdelement bedarf zwingend seiner gebührenden Repräsentation auch auf einem Schiff, umso mehr da diese nicht im alten Stil aus Holz gebaut ist. Ich plädiere ja nicht gerade für Geranienkisten an der Reeling, aber ich suche nach Wegen, wie das heilsame Grün hier an Bord gedeihen kann. Keimlinge, die den Salat garnieren sind da einmal ein erster Ansatz, doch das genügt mir noch nicht. Im ganzen Baustellengerummel hat(te) es angeblich keinen Platz für Pflanzen. Mag sein, dass sie hindern. Was ich aber leidvoll zugeben muss, dass ich auf diesem Trockendock über die Jahre ohne ausreichende innere und äussere Gartenpflege seelisch regelrecht ausgetrocknet bin. Mein Elexier sind Pflanzen, mit denen ich im unmittelbaren persönlichen Austausch bin, Beziehung pflege, mich an ihrem Wachstum freuen kann und mitleide, wenn sie befallen werden. Sie sind mir Lehrmeisterinnen im Haushalten, Annehmen, Aufblühen, eingebunden in ein grösseres Ganzes. Ihre heilende Kraft kann ich spüren und es ist höchste Zeit diese wieder bewusst in unser Leben einfliessen zu lassen.

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  • „Das Leben beginnt mit dem Tag, an dem man einen Garten anlegt.“ –Aus China
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Pasando Barcelona

Die letzte Erinnerung an Barcelona ist grossartig, fast traumhaft. Vor ein paar Monaten bin ich nachts um halb eins mit Cincy (dem rollende Packesel), unseren schlafenden Kindern und Hilma (das zu restaurierende Motorboot) im Schlepptau durch die Stadt gesegelt, ich weiss nicht wie. Das Gefühl für die richtige Richtung war grosso modo das einzig, was mich führte und mein Gebete für gute Passage, aber was braucht’s mehr? Plötzlich fahre ich auf der richtigen Strasse, vierspurig und fast autoleer und alle Ampeln, an die dreissig in der Fluchtlinie, schalten auf Grün, toll, wie ein Zauber. Im Hochgefühl durch diese doch eindrücklich grosse Ansammlung.

Heute habe ich eine neue Chance Barcelona zu begegnen, das immer mal auf meiner touristischen Pendenzenliste hängen blieb, wer weiss wieso, vielleicht damit ich dieses Highlight jetzt erleben dar. Um neun Uhr abends komme ich am Flughafen an und rattere mit meinem Kofferhund (ein erfreulicher Fund aus dem züricherischen Strassenabfall) durch die Terminals zum Ausgang. Wie gerufen, erscheint ein Bus vor mir, ein Shuttle, der mich exakt ins Zentrum an die Placa de Catalunya bringt. Ein Lob auf die Tourismusindustrie und deren effektive Abhandlung von standartisierten Kundenbedürfnissen zahlender Neuankömmlinge. Den nehm ich und bezahle in effectivo (was mir eh lieber ist)  nachdem ein Versuch am Ticketautomat in Ermangelung einer Kreditkarte scheiterte. Zwischen Koffern, Franzosen und Chinesinnen finde ich meinen Platz und lasse die vorbeiziehenden Stadtimpressionen auf mich wirken, erfrischend gelassen, schon fast geniesserisch, denn ich brauche nichts zu halten, nichts einzuordnen. Ich hafte nicht mehr so sehr an Namen, die mit Plänen und Wissen in Verbindung gebracht werden müssen, nein ich staune bloss. Endstation an einem für meine Verhältnisse gigantischen Platz, doch es ist mild und auch um mich herum, fehlt jegliche Hektik. Ich ströme los in die erahnte richtige Richtung, auch ohne genauen Stadtführer, massfindend für die neuen Dimensionen. Ich war schon in einigen grossen Städten, Berlin oder Paris, New York und Chicago oder Rom, doch hier fühl ich mich ganz anders angetan, vielleicht weil die Orientierung immer mehr von innen her kommt und der äusserliche Stress wegfällt. Die Wahrnehmung weitet sich, statt wollen und müssen, ist seinlassen und betrachten angesagt. In diesem Sinne begegne ich auch laufend neuen Geschenken, die einfach vor mir auftauchen…

 

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In einem weissen Mehrbettenzimmer erwache ich als erste und erhebe mich sachte in den neuen Tag. Der Congierge erkundigt sich nach der Weiterreise und ich erzähle von unseren Schiffen… für einen Moment träumt er den Südseetraum mit. Unten auf der Strasse lädt die nächste Tür zum Frühstück ein, ein riesiges Cafe im Retro-Stil der vorletzten Jahrhundertwende mit einer prächtigen Auslage an frischen Backwaren – unwiderstehlich. Ich münde „zufällig“ in den Paseo de Gloria (was für ein Name, schon fast ein Lebensmotto) eben da, wo die prächtigsten Fassaden zu beschauen sind. Vor einer Bank aus lasse ich die Augen wandern. Vom Grossen ins Kleine – vom Detail wieder zurück zur Gesamtschau. Doch nach dieser tastenden Schau hat sich was verändert, hat ein Weben in mir begonnen, die Einwirkung hat Auswirkung. Plötzlich offenbaren sich Zusammenhänge, die mit zuvor nicht zugänglich waren. Einfühlung statt Bewertung, mehr Yin statt Yang würde der Käpten da wohl diagnostizieren. 🙂

Ich lande wieder am der Placa de Catalunya, wo bei Tageslicht all die umringenden, mächtigen Konsumtempel sichtbar sind, die über das menschliche Mass hinausreichen. Abstieg ins Touristenoffice, ich kann`s noch nicht ganz lassen, will mir doch noch einen Stadtplan besorgen – für alle Fälle. Ich grüsse die Putzfrau herzlich, welche den nach Pisse stinkenden Abgang sauberfegt. Oben auf den Parkbanks liegen noch einige Freiluftschläfer, die wohl hier unten ihr Geschäft verrichten.

Der weitere Weg führt mich vorbei am Cafe Zurich (kleine nostalgische Ergriffenheit) hinein in die Altstadt via Rambla. Frühmorgens wirkt sie noch ganz überschaubar. Ich lasse mich auf einem der freistehenden Stühle nieder – den Koffi bei Fuss – und geniesse kontemplativ. Gruppen von asiatischen TouristInnen, holländische Familien, beschäftigte Einheimische, Alte, Clochards, Rucksackreisende, Fashon-victims, Schwule und irgendwann die erste Fächerverkäuferin. Langweilig wird es nicht. Stoff für Romanfiguren, massenhaft. Inspiration für neue Schuhen, Taschen, Tatoos, Frisuren, Gangarten, Gruppenverhalten, alles mögliche. Ob ich es wohl schon jemals so lange ausgehalten habe, einfach da zu sitzen und nicht mal zu warten, ohne was zu trinken, planen, rumzukramen? Irgendwann ist auch dieser Moment vorbei und es zieht mich weiter. Die penetrant trötenden Strassenverkäufer, die einem den Saisonhit andrehen wollen, lassen mich ins Gewusel der Seitengassen abzweigen. Reich und arm ist da so hautnah zusammen, unvermittelt stehe ich vor einem renommierten Hotel mit Fünf Sternen mit zwei Türwächtern und im nächsten Türeingang liegen die noch schäbiger Karton, die jemensch als Nachtlager dienten.

In der Marienkappelle, in der die grosse Mutter das kleine Kind anbetet   werden mir die Seitenaltare zu Offenbarungen. Die Taufe: einer stellt sich in den Fluss des Lebens, taucht ein und öffnet sich für den heilenden, erfüllenden Geist. In einem anderen ist eine im Zentrum, eine Vertreterin von Welt die ebenfalls empfängt, eintretend in den früchtetragenden Zyklus der Verjüngung, der Weitergabe von Leben, sich in den Dienst stellend.

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Tore, Türen, Portale locken und wie viele und verschiedenartige es hier gibt. Ich mag hohe Räume, Innenhöfe, grosse Treppenhäuser. Wie trunken taumle ich durch die Paraden, mein kleine grauer Freund schnottert mir ganz wacker hinterher über die unebenen Gehsteige. Dann lande ich am Hafen, fast schon zuhause. Die Boote gefallen mir, speziell die traditionellen Segler mit ihren Holzmasten und zahlreichen Tauen. Irgendwann lande ich in der Station de Fancia, von hier soll mein Zug Richtung Süden weitergehen. Es bleibt noch Zeit für einen kleinen Rundgang hinüber ins Bond, unter den grossen Arkaden durch zum Park vor dem Zoo. Ein Clara sowie eine Racion Bravas (fritierte Kartoffeln mit scharfer Sauce) liegen auch noch drin. Im kühlen, geräumigen Bahnhofbuffet chille ich noch etwas aus. Eine tolle Stadt, dieses Barcelona, gracias y hasta la vista oder noch treffender: reunir-se de nou!!

Kategorien: Abfallfunde, Erinnerung, Reise | 2 Kommentare

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