Monatsarchiv: April 2019

Auferstehung in Oropesa

Im Kühlschrank lagert noch die Weihnachtsschokolade, zum halben Preis erstandener Christbaum-Schmuck, der auch in österlichen Tagen noch lecker schmeckt. Die Wellen schlagen hoch an die Hafenmauer von Oropese del Mar, ein ordentlicher Nordostwind fegt entlang der Küste und bewegt die verlassenen Schiffe im Puerto, die träge an ihren Anlegern baumeln. Lose Falls peitschen klirrend an die Alumasten der Segelboote, Fahnen, Genua-Abdeckungen und Persenings, Abfallsäcke und dergleichen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist flattert oder bläht sich, tritt eine luftige Reise an, tanzt im Wind.

 

Wir sind zum Aufräumen gekommen, wollen die Depots, Warenlager und den Fahrzeugpark vor Ort dezimieren, verkleinern, aktualisieren. Wohin bloss mit dem vielen „Strandgut“? Segel, Aussenborder, Wanten, Ruder, Bäume, Tanks und Pumpen, Rollreffprofilen, WCs und diversem Kleinkram. Der Warenlagerbus (ein selbstgebautes Wohnmobil) und der Werkstattbus (mit komfortabler Rampe) sowie das fahrbare Ersatzteillager (Kleinlaster mit offener Brücke), alles IVECOs der alten Garde, stehen zur Disposition. Im Laufe der Jahre ist da so einiges zusammengekommen.

Ein Schiff ist nie fertig, das erklärt mir der Käpten immer wieder und das fällt mir auch mitunter schwer zu akzeptieren. Solange man(n) daran rumbastelt, ideell und materiell investiert, lebt „es“. Die Gärtnerin erkennt immer deutlicher in der zyklischen Einbindung der Natur den Segen. Da hilft die Kraft des Frühlings, die Beete neu zu bestellen, der Sommer fordert Ausdauer im Tränken und Düngen, der Herbst unterstützt im Abräumen und die winterliche Brache bringt Erholung für den Neuanfang. Wachstum und Zerfall innerhalb relativ klarer und unumgänglicher Spielregeln (mal vom Treibhaus abgesehen). Doch wie sieht’s bei Menschgeschaffenem aus? Da erfolgt die Zäsur nicht via Temperatur, Sonnenstand oder Wasserpegel. Wann ist da die Grenze erreicht, die Zeit für eine Wende? Die Einflussfaktoren sind vielfältiger und subtiler. Die Werdegänge individueller, die Zyklen vielleicht nicht so offensichtlich erkennbar, der Reifegrad schwieriger zu bestimmen. Was sind die Früchte? Welcher Verlust ist unumgänglich? Haben sich Samen gebildet? Was ist zu tun und was zu lassen?

Ein laufender Akt der Befreiung? Der Keimling sprengt die schützende Hülle des Samens. Die junge Pflanze drängt ans Licht und befreit sich vom Dunkel der Erde, sie erhebt sich, erstarkt, erblüht. Damit der Kreislauf weitergeht, braucht’s ne Befruchtung, befreit vom Alleingang paart sich da was und trägt Früchte, bildet neue Samen, befreit sich so von der alten Form, konzentriert sich in der Essenz, bereit für die Wiederauferstehung von neuem Leben. Was geht? Was bleibt? Die Natur hat das genial geregelt, sie weiss, was zu sterben hat und was es braucht zum Weiterleben. Die Ent-Scheidungen sind klar und fokussiert auf den Fortbestand. Und bei uns Menschen? Mit unseren zig Projekten und Möglichkeiten, Träumen und Hoffnungen, Verpflichtungen und Anliegen? Bei uns scheint es mir ungemein schwieriger diese Umbrüche zu erkennen und bewusst zu durchleben. Wir wissen nicht, was das Morgen uns bringt und sind geprägt von den gemachten Erfahrungen. Ein Richtig oder Falsch gibt es da nicht so deutlich. Orientierung ist nur punktuell möglich, die Konsequenzen nur beschränkt absehbar.

Es erfordert viel innere Aufräumarbeit, um endlich auch das Aussen anzugehen. Etappen halt und keine grossen Würfe sind jetzt möglich. Wie das beim Segeln eben üblich ist, Zielraum festlegen, Bunkern, Wind, Wellen und Wetter berücksichtigen, Segelstellen und los geht’s…auf zu…

Kategorien: Garten, Oropesa del Mar, Transformation, Wetter | 2 Kommentare

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