Monatsarchiv: Juli 2014

Unschooling Festival 2014

Viel Vorfreude im Vorfeld und wenig Zeit für ausgiebige Vorbereitungen. So sieht’s bei mir grad aus. Wär ja schön, auch selbst einen Workshop anzubieten oder eine Gesprächsrunde anzuregen, aber der inner Raum fehlt momentan. Es bleibt die Hoffnung, dass andere als tragende Kräfte aktiv werden.

Nach Wochen im Zelt sind wir zwar langsam an die Outdoor-Situation gewöhnt und dennoch hält sich meine Begeistung am regnerischen Mittwoch arg in Grenzen bei kontinuierlicher Flüssigsonne, unser kleines Igluzelt aufzubauen und feuchte Schlafsäcke darin zu drapieren. Ich passe. Kurzfristig verschiebe ich unsere Anreise auf Donnerstag Morgen und opfere dafür das Beisein am Eröffnungsbuffet. Die Entscheidung scheint richtig, welche Erleichterung. Es entsteht kurzerhand Spielraum für andere, längst anstehende Pendenzen. Als dann akkurat gegen 18 Uhr abends die Wolken im Mittelland sich allmählich verziehen, atme ich auf und bin in Gedanken mit am Begrüssen der Unschooling-Familien und am Bilden der Gemeinschaft.

Die eigene Anfahrt am Donnerstag darf dann frisch ausgeruht angegangen werden. Ein prächtige Autoreise vom Zürichsee via Ricken, Wattwil, mit spontanem Blitzbesuche in Herisau bei einer lange nicht mehr gesehenen Freundin und dem jüngsten Teil ihrer fünfköpfigen Kinderschar. Dann weiter via St. Gallen an den Bodensee zum Campingplatz am Seehorn.

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Voila. Bei Prachtswetter und mit bester Festivallaune bauen wir unser Camp in der Nähe des zentralen Teffpunkts auf. Es hängen da die Plakate mit den angesagten Aktivitäten aus, eine Bücherkiste lädt zum Schmökern ein, Zeitschriften und Flyers. Nach und nach darf ich vertrauten Menschen wiederbegegnen und mit neuen Bekanntschaft schliessen. Mit einigen gibt es flüchtigen Blickkontakt, mit anderen tiefschürfende Gespräche. Selbstorganisierend webt sich aus den vielen kleinen Begegnungen, Alltäglichkeiten und Gängen, einzelnen und gemeinsamen Handlungen das magische, soziale Gewebe.

Verschiedene Workshops laden zum Erleben ein. Mit Reibholz ein Feuer entfachen, Armbändel filzen oder Filztiere nähen, T-Shirts gestalten, Pfeilbogen erstellen. Klein und Gross treffen sich zum gemeinsamen Rhythmus mit Trommeln und Rasseln auch bei Regen. Es ist anregend und angenehm ohne Anspruch an allem teilnehmen zu müssen, ohne Angst, was zu verpassen. Das Leben lehrt mich: it happens, ohne dass ich es kontrolliere. Es beschenkt mich mit Schlüsselszenen, die wie Einblick in tiefere Zusammenhänge geben und mit wachsendem Vertrauen auf der “richtigen“ Fährte zu sein. Geführt und wie nebenbei kriege ich das Wesentliche mit. So ist es auch schön, dösend im Zelt zu liegen und aus der Ferne das Singen der Kinder zu vernehmen oder ad hock aufzulodern beim gemeinsamen Gedanken an einen Latte-Macchiato-Workshop. Der frisch gemixter Smoothy mit selbstgesammelten Wildkäutern (Kleeblätter oder junger Löwenzahn) und einem charmanten Lächeln serviert, schmeckt oberlecker. Geschenkt ist auch die spontane Teilnahme an den angeleiteten Fünf-Tibeter-Übungen auf der freien Wiese im Sonnenuntergang. Holzsammeln für das Schlangenbrotfeuer ist wenig ergiebig entlang dem Uferweg mit privaten Seeanstössern. Doch es reicht zum Anfeuern und x-mal wird Teig nachgekneten für das Steckenbrot. Im Strandbad wabbern riesige Seifenblasen durch die Lüfte.  Am Abend geht bei den einen, vornehmlich jüngeren der Wehrwolf um, andere sitzen ums Lagerfeuer oder Fussballherzen begeistern sich für die Achtelsfinals. Wieder anders Interessierte schauen den DVD “Alphabeth”. Es ist auch schön in Gesprächsrunden, freien Raum zum Mitteilen der eigenen Befindlichkeit zu finden oder die Gelegenheit nützen zu können, Geburtserlebnisse neu zu erzählen oder mit anderen über einen sinnvoller Umgang mit Computer und Internet nachzudenken. (Vielleicht hatßs noch mehr angesagte Gruppengespräche gegeben, ich Interessenschwerpunkt war diesmal mehr aufs Tun ausgerichtet.)

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Ganz im Zeichen von freiem Lernen und der dazugehörigen Selbstverantwortung ist auch die Organisation und Kommunikation innerhalb der offenen Gruppe und der verschiedenen Familien. Da unser Treffen ja mitten in einer “zivilisatorischen” Einrichtung stattfindet, namentlich auf einem Schweizer Camping-Platz mit vielen Langzeitcampern, die ihre Motorhomes dort ein-chaletiert haben, sind ALLE aufgerufen zur aktiven Kultivierung von Taleranz, Respekt, Grosszügigkeit und Flexibilität… Ich bin all den vielen einzelnen Festival-Teilnehmenden dankbar, die sich direkt mit dem zur Eskalation neigenden Platzwart auf diplomatische und geduldige Weise auseinandergesetzt haben. Ich bin auf ein bisschen stolz auf uns, dass wir es auch bei suboptimalen Bedingungen geschafft haben, unsere Vorhaben weiterzuverfolgen. Das ist genau die Kraft, die es erforderlich, um weiter zu wachsen.

Ansprüche fallen ab, auf Vollständigkeit, Konformität, Chronologie, Scheinobjektivität. Wie auch die Länderberichte am Samstag im Rahmen der TENHE-Konferenz (The Euroean Network of Home Education) zeigen, so sind allgemeingültige Aussagen über das Home- oder erst recht über das Unschooling kaum möglich. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer, dass Unschooling immer mehr als Phänomen überhaupt wahrgenommen und benannt wird und so sich das Resonanzfeld weitet und stärkt. Letztlich, so zeigt sich, dass jede Familie in ihrer einzigartigen Weise einen Weg bahnt, ein Weg, der eben erst durch das mutige Gehen entsteht. Es ist hilfreich zu erleben und spüren, dass es WeggefährtInnen gibt, auch wenn sich diese durch unterschiedliche Landschaften tasten, durch Minenfeldern von Behörden, Familie und Freunde, Nachbarschaft, wo sie individuell und situativ abhängig mal begegnend, konfrontativ oder auszuweichend (re-)agieren. Mittlerweilen gibt es beste Literatur, dokumentarische Filme, Vereinigungen und Festivals, die allesamt unterstützend wirken.

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Vertrauen in den Ansatz des organischen, natürlichen, informelle Lernen stärkt sich allerdings primär durch die eigene Erfahrung. Anfänglich sind Konzepte und Studien vielleicht noch wichtig und Argumente nötig, ich erinnere mich gut wie ich danach gehächelt habe. Mit der Zeit kehrt mehr Ruhe ein und ich gedeihe, gebe mir selbst die Chance Frei-Lernende zu sein in einem offenen Feld, und mein Erleben wird dadurch reicher, klare, echter und erstaunlicherweise auch viel einfacher.

Wie sie aus vielen Windenrichtungen Europas zusammengefunden haben, aus Spanien, Norwegen, Ungarn oder Irland, Litauen, Deutschland, Holland, sowie Oesterreich, Grossbritanien, Luxemburg, Schweiz, Rumänien und Frankreich, eben so, löst sich die Szene wieder auf. Einige bleiben noch vor Ort, andere ziehen gemeinsam ein paar Wiesen weiter Richtung Osten. Ganz passend zum Einblick, den uns eine rumänisch-französiche Familie in ihre Form des Road-Schooling dort noch gibt. Vielfalt ist unser Reichtum. Oder wie auf einer Karte im Van der modernen Nomaden zu lesen ist:

Mein Klassenraum: die Welt, mein Lehrplan: das Leben.

PS: Dank an den unbekannten Engel, der mir mitten im Föhnsturm zwei von seinen goldenen Heringen in die Plane eingeschlagen hat und dank dem wir eine trockene Nacht verbringen konnten.

 

Kategorien: Freilernend, Uncategorized | 5 Kommentare

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